Editorial

Wider den Wutbürger –
Die Bürgergesellschaft der Metropole Ruhr am Beispiel des Politischen Forums Ruhr
Dr. Stephan Holthoff-Pförtner, Vorsitzender des Politischen Forums Ruhr

„Wir wollen lernen, miteinander zu reden. Das heißt, wir wollen nicht nur unsere Meinung wiederholen, sondern hören, was der andere denkt. Wir wollen nicht nur behaupten, sondern im Zusammenhang nachdenken, auf Gründe hören, bereit bleiben, zu neuer Einsicht zu kommen. … Ja, wir wollen das uns Widersprechende geradezu aufsuchen. Das Ergreifen des Gemeinsamen im Widersprechenden ist wichtiger als die voreilige Fixierung von sich ausschließenden Standpunkten, mit denen man die Unterhaltung als aussichtlos beendet.“1

Die Gesellschaft für deutsche Sprache kürt seit 1977 am Ende eines jeden Jahres das sogenannte „Wort des Jahres“. Darunter befanden sich politische Kampfbegriffe wie „Szene“ oder „konspirative Wohnung“, Erschütterndes wie „Holocaust“ oder „Tschernobyl“ oder Neologismen à la „Besserwessi“ und „Teuro“. Am 16. Dezember 2010 hat sich die Jury einmal mehr für einen Begriff entschieden, der scheinbar den Nerv der deutschen Sprachseele am intensivsten berührt hat: den „Wutbürger“. In der Begründung heißt es, dass diese Neubildung von zahlreichen Zeitungen und Fernsehsendern verwendet würde, um einer Empörung in der Bevölkerung darüber Ausdruck zu geben, dass politische Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen würden. Das Wort dokumentiere ein großes Bedürfnis der Bürgerinnen und Bürger, über ihre Wahlentscheidung hinaus ein Mitspracherecht bei gesellschaftlich und politisch relevanten Projekten zu haben.2 Der Wutbürger setzte sich unter anderem gegen die Konkurrenten „Stuttgart 21“, „Sarrazin-Gen“, „Vuvuzela“ und „Femitainment“ durch. Wir werden auf ihn zurück kommen.

Mit seiner Schrift zur Schuldfrage, der das einleitende Zitat entstammt, setzte sich Karl Jaspers 1946, tief bewegt durch die unermesslichen Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg, mit existenziellen Fragestellungen auseinander, die bis heute nichts an Charakteristik, Aktualität und elementarer Bedeutung eingebüßt haben: Verantwortung des Einzelnen und wider den Zeitgeist des Verdrängens. Der wohl bedeutendste deutsche Existenzialphilosoph des 20. Jahrhunderts lieferte in der „Schuldfrage“, zugleich seine erste Vorlesung an der 1946 neu gegründeten Universität Heidelberg, gleich ein Kommunikationsmodell mit. Darin entwickelt er Spielregeln für das, was wir gemeinhin Demokratie nennen, und das auch für den Begriff Bürgergesellschaft Bedeutung hat, wie wir später noch sehen werden. Denn

1 Aus: Karl Jaspers, Die Schuldfrage. Von der politischen Haftung Deutschlands. Heidelberg/Zürich 1946, Neuausgabe München 1987.
2 Vgl. http://www.gfds.de/presse/pressemitteilungen/171209-wort-des-jahres-2010/

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